Dritte Startbahn München: Fakten oder was?

10.06.2012

Ich durfte gestern auf dem Corso Leopold eine recht interessante Diskussion zum Bürgerentscheid 3. Startbahn am 17. Juni 2012 in München leiten. Dabei ist mir aufgefallen, dass einige vermeintliche Fakten schon sehr interpretationsbedürftig sind.

So zum Beispiel das Thema Kapazität. Unstrittig scheint mir zu sein, dass die Kapazität der aktuellen Startbahnen rund 500.000 Starts- und Landungen beträgt und die aktuelle Zahl der Flugbewegungen rund 400.000. Nur, was schliessen wir daraus? Die Startbahngegner meinen nun, dass man keine dritte Startbahn benötigen würde, weil ja noch genügend Kapazität frei sei. Die Befürworter behaupten, dass dennoch dringend ausgebaut werden müsse. Mir wiederum erscheint logisch, dass eine theoretische Maximalkapazität bei ca. 80% Auslastung durchaus erreicht sein dürfte. Warum? Ganz einfach: Die volle Auslastung kann man nur bei Idealbedingungen erreichen, also bei gleichmäßiger Nutzung über den ganzen Tag und ohne Störungen, Verspätungen oder ähnlichem. Und das ist unrealistisch, alleine schon weil die meisten Passagiere morgens oder abends fliegen wollen und nicht mittags. Aus meiner Sicht also Punkt für die Befürworter: Zusätzliche Kapazitäten sind wohl schon notwendig.

Zweiter Punkt ist die Entwicklung der Fluggastzahlen. Hier führen die Gegner an, dass diese in den letzen beiden Jahren gesunken seien. Die Befürworter verweisen auf langfristigere Prognosen und die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die tatsächlich einen deutlichen Anstieg der Mobiltät mit nahezu allen Verkehrsmitteln aufweist. Ich bin auch kein Prophet, aber wahrscheinlicher erscheint mir ein weiteres Wachstum an Flugverkehr insbesondere in einer wachsenden Metropole wie München. Noch ein Punkt für die Befürworter.

Dritter Punkt die Ölknappheit. Dass Öl immer knapper und teurer wird ist unstrittig. Dass aber Menschen erfindungsreich sind hoffentlich auch. Die heutigen Flugzeuge verbrauchen deutlich weniger Sprit und sind auch viel leiser. Und er wird heftig an alternativen Antrieben auch für Flugzeuge geforscht und gearbeitet. Ich glaube nicht, dass wir in Zukunft nicht mehr fliegen werden, weil das Öl ausgeht. Da fällt uns bestimmt was ein. Wohl noch ein Punkt gegen die Gegner.

Dass eine dritte Startbahn um die neue 10.000 Arbeitsplätze mit durchaus attraktiven Löhnen im Schnitt von 38.000 €/Jahr behaupten die Befürworter. Aktuell sind es wohl um die 33.000 Arbeitsplätze. Die Gegner führen an, dass man diese gar nicht bräuchte, weil ja im Großraum Freising eh Vollbeschäftigung herrsche und außerdem auch Arbeitsplätze dabei seien, die schlecht bezahlt seien. Nun gut, abgesehen davon, dass ein nicht so gut bezahlter Arbeitsplatz immer noch menschenwürdiger ist als gar keiner, spricht schon der gesunde Menschenverstand dagegen, dass hier Dumpinglöhne durchsetzbar wären. Bei nahezu Vollbeschäftigung müssen Arbeitgeber adäquate Löhne bieten um überhaupt genügend Arbeitnehmer zu bekommen. Also auch ökonomisch ein Punkt für die Befürworter.

Interessant war auch der Punkt Drehkreuz. Hier waren sich die Kontrahenten immerhin einig, dass Drehkreuze ökonomisch und ökologisch sinnvoll sind, weil sie Flugbewegungen insgesamt reduzieren. Uneinig war man sich, ob ausgerechnet München so ein Drehkreuz sein müsse und ob es weiter ausgebaut werden soll. Das kann man so oder so sehen. Unentschieden.

Ein schönes Argument ist dann auch die Sache mit den Investitionen durch Unternehmen der öffentlichen Hand, also in dem Fall des Flughafens. Die Flughafen GmbH habe noch Schulden an ihre Gesellschafter Bund, Land Bayern und Stadt München und dürfe erst wieder investieren, wenn diese beglichen seien. Wenn man diese Argumentation auf alle Unternehmen anwenden würde, würde die Investitionsquote in Deutschland wahrscheinlich gegen Null gehen. Welches Unternehmen hat denn keine Schulden, sprich eine Eigenkapitalquote von 100%? Das Argument ist aus meiner Sicht wirtschaftlich vollkommen unsinnig. Und soweit ich weiß, finanziert die Flughafen GmbH den Ausbau aus eigenen Mitteln ohne zusätzliche Subventionen. Das finde ich gut. Noch ein Punkt für die Befürworter.

Bleibt die Belastung durch Lärm, Bodenversiegelung und CO2. Dass ein solches Projekt nie ohne Belastung einzelner geht, ist unstrittig. Hier war die argumentative Gemengelage sehr unübersichtlich. Lärm macht krank, ja, aber wann ist Lärm Lärm? Und wieviel Lärm tritt wann wo auf? Fakt ist, dass es wohl relativ wenige direkt Betroffene aus den Gemeinden im direkten Umfeld gibt, die laut Befürworter ordentlich entschädigt und mit Lärmschutzmaßnahmen versorgt wurden. Die zusätzliche Bodenversiegelung wird wohl vom Flughafen großzügig durch sogenannte Ausgleichsflächen wieder gut gemacht. Eine geringere CO2 Belastung würde wohl eher durch weniger Flugbewegungen insgesamt und nicht nur duch weniger Flüge in München erreicht werden können. Oder durch bessere Flieger bzw. effizientere Flugsteuerung wie zum Beispiel Optimierung von Drehkreuzne oder Vermeidung von Warteschleifen bei Überlastungen. Ich werte das mal als Unetschieden. Ich will einfach ungern Vorteile der Allgemeinheit mit Nachteilen von Einzelnen aufwiegen.

Unterm Strich bleibt eine eher philosophische Frage, die den Kern der unterschiedlichen Positionen ausmacht: Bin ich eher für eine Begrenzung des Wachstums im Sinne eines "Wir können nicht ewig so weiter machen." oder stehe ich eher für weiteres Wachstum und den damit verbundenen Fortschritt. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Beides ist aus meiner Sicht in Reinform ungeniessbar. Wir brauchen qualitatives Wachstum, dass die Lebensverhältnisse aller Menschen bessert.

Jetzt ist mein Blog doch länger geworden als gedacht. Aber vielleicht hilft er ja dem einen oder anderen bei seiner Entscheidung. Ich habe mich entschieden und werde am 17. Juli für eine dritte Startbahnen stimmen. Ich glaube an Fortschritt und Zukunft und sehe deutlich mehr Aspekte, die für als gegen einen Ausbau sprechen.

 

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